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 Kurzgeschichten
Stefanie Offline

Treue Seele



Beiträge: 1.347

19.03.2007 00:17
Familien A. Meise..Kurzgeschichte umgesetzt Zitat · antworten

10.08.2006 08:21

Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde von Helga

Im Herbst bastelten mein Mann und ich zwei Nistkästen, sowie ein Vogelfutterhäuschen
für die fröhlichen Sänger und Piepser. Wir hatten im Sommer ein Amselpärchen ihre
Jungen in einer Hainbuche großziehen sehen und hören. Familie Blaumeise hatte sich in
ein ausgedientes Abgasrohr in der Schulwand eingenistet und auch Kohlmeisen wohnten ganz
in der Nähe. Die Grünlinge hatten sich die Hainbuche an der Ecke zu ihrer Sommerresidenz
auserkoren und trillerten ausdauernd.

Wir hatten ein Vogelfutterhäuschen aus vergangenen Tagen im Keller gefunden. Da es ein
sehr kleines Häuschen ist, baute mein Mann einfach eine Veranda um es herum. Auch das
Dach wurde mit zwei Plastikplatten vergrößert und ich malte mit wasserfestem Filzstift
Dachziegel darauf. Dann wurde es, etwas über Kopfhöhe, auf einem Pfahl vor dem
Küchenfenster neben eine der Hainbuchen aufgestellt. Das Futter wurde von oben,
durch eine Art Schornstein mit abnehmbarem Deckel, ge-füllt. Dann fiel es nach
unten auf den Boden und war somit vor Regen gut geschützt. Wenn die Vögel nun von
unten pickten, drückte das Futter von oben nach und die Futterstelle war dadurch
mit ständig frischem Futter gefüllt. Ich hatte mir gedacht, dass das Futter für ca.
vier Wochen hal-ten würde.
Nach zwei Tagen ging ich hinaus, um zu sehen ob die Vögel schon etwas gefressen hatten
und sah erstaunt, dass das Futter ratzekahl weggefressen war. Ich wollte es kaum
glauben, aber es war kein Futter mehr vorhanden. Ganze Vogelschwärme müssen über
Nacht da gewesen sein und sich gütlich getan haben. Ich füllte also Futter nach
und wartete wieder zwei Tage. In der Zwischenzeit lugte ich immer wieder aus dem
Fenster, konnte aber nie einen Vogel sehen. Am dritten Tag war das Futter wieder
weggefressen. Sehr mysteriös.

Wir beschlossen, uns auf die Lauer zu legen. Wieder wurde das Futter aufgefüllt und
gewartet. Am nächsten Vormittag wurden wir einiger Tauben ansichtig, die den
Einflugbereich von den Giebelseiten anflogen und dann so lange im Futterhäuschen
verweilten, bis sie sich satt gefuttert hatten. Daraufhin flogen sie ihrer Wege.
Tauben wollte ich ja nun nicht gerade füttern, da kann man arm bei werden und die
anderen Vögel kriegen fast nichts von der Mahlzeit ab. So sannen wir auf Abhilfe.
Mein Mann fertigte aus Zaunresten zwei Gitter aus verzinktem Rundstahl an und
befestigte sie links und rechts an den Giebelwänden.
Das Haus hatte dadurch zwar einen dezenten Knastcharakter angenommen, aber es sollte
ja nur seinen Zweck erfüllen. Doch wir entdeckten, dass die Tauben sich davon nicht
schrecken ließen. Sie übten so lange den Anflug, bis sie es schafften, in der relativ
engen Lücke zwischen Dach und Veranda zu landen. Wieder war das Futter weggefressen.
Wieder wurde mein Mann tätig. Diesmal spannte er einen dünnen Kupferdraht so um das
Haus herum, dass die enge Lücke noch enger wurde und wirklich nur noch von kleinen
Vögeln angeflogen werden konnte.

Nach zwei Tagen war das Futterhaus wieder leer.

Wie machen die das bloß, fragten wir uns ratlos. Jetzt beobachteten wir die Tauben
auf dem Dach des Häuschens. Sie hatten in ihrer plietschen Art ans Futter zu gelangen,
einfach den Deckel von der Einfüllöffnung heruntergekickt und schon brauchten sie sich
noch nicht einmal mehr anzustrengen.

Jetzt mussten wir schon herzlich über den Einfallsreichtum lachen und wir bewunderten
die Tauben wegen ihrer Geschicklichkeit und der Kontinuierlichkeit, mit der sie ans
Futter gelangten. Doch nützen sollte es ihnen nichts. Nachdem mein Mann mit einem
weiteren Draht verhindert hatte, dass der Deckel von Vogelschnäbeln zu öffnen ist,
mussten sie sich eine andere Futterstelle suchen.

Zugegeben, unser Futterhäuschen sah jetzt ein wenig abstrakt aus, aber endlich waren
die Kleinvögel wieder unter sich und das große Schmausen konnte beginnen. Der Winter
kam und die Spuren im Schnee um das Futterhäuschen herum wurden sehr aufschlussreich.
Manchmal stand ich minutenlang am Fenster und beobachtete das rege Treiben.

Da waren die kleinen roten Federbälle, mit den schwarzen Kappen auf dem Köpfchen, die
der Volks-mund Dompfaffen nennt, die Fachwelt aber Gimpel. Sie kamen immer zu zweit.
Das Männchen mit leb-haft rot gefärbtem Bauch, das Weibchen etwas bräunlicher. Ihr
sanftes Pfeifen hört sich immer etwas ängstlich und fragend an, so als fragten sie
sich ständig gegenseitig: "Ist bei Dir alles in Ordnung?" Sie flogen das Häuschen an,
nahmen sich was sie wollten und hockten sich dann auf den Rand der Veranda, um es zu
verspeisen. Das machten sie so lange bis sie satt waren und wegflogen.

Ganz anders dagegen die Blau- und Kohlmeisen, die schnell in das Häuschen flogen,
hurtig eine Nuss oder einen Sonnenblumenkern schnappten, damit in den nächstgelegenen
Baum flogen, um dort die Mahlzeit einzunehmen.

Eines Tages bemerkte ich einen ziemlich properen Spatz unter dem Häuschen auf dem
Fußboden mausartig hin und her huschen. Ich freute mich, sind doch die Sperlinge in
unserer Gegend nicht mehr häufig anzutreffen. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sich
dieser Spatz aber als Hecken-braunelle, die sich durch den dünnen Insektenfresserschnabel
und die graue Färbung an Kopf und Brust von jenem unterscheidet.

Die Heckenbraunelle hält sich vorwiegend dort auf, wo es viel Gestrüpp gibt und ist
sehr scheu. Fühlt sie sich beobachtet, lässt sie sich wie ein Stein zu Boden fallen
und ist durch ihr unauffälliges Aussehen sehr schwer auszumachen. Sie blieb den ganzen
Winter. Im Frühling stand ich oft sehr früh auf, nur um ihren zarten, leisen Gesang zu hören.

In diesem Winter bemerkten wir auch, dass ganz in unserer Nähe ein Zaunkönig sowie ein
Rotkehlchen lebten. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hatten nicht erwartet, dass
an einer lauten Schule, direkt neben dem Haupteingang, diese Vögel zu beobachten sind.

Ich liebe den Gesang der Vögel. Das Amselmännchen, welches im März noch zwiegesprächig
in den Hainbuchen übt, hat schon im April den schönsten Tenor weit und breit. Der
Zaunkönig hört sich an, als hätte er ein Megaphon vor den Schnabel genommen, um allen
anderen Zaunkönigen zu erzählen, dass dies sein Revier ist und sie sich gefälligst
woandershin zu begeben haben. Vielleicht hatte er sich in dem neu angelegten Totholz-
und Reisighaufen eingenistet, den ich am Ende des Gartens extra für Vögel, Insekten
und Igel angelegt hatte.

Die Nistkästen wurden erst im zweiten Jahr angenommen. Dann zog dort die Familie A. Meise
in eines der Kästen ein und zeigte sich dadurch erkenntlich, dass sie unsere Pflanzen von
Räubern freihielten. Herr Meise nahm am Einflugloch noch einige Änderungen vor, sorgte
dann höchst persön-lich für die Einrichtung und zog dann mit seiner Frau ein.

Auch die Grünlinge sind ihrer Heimat treu und kommen jedes Jahr wieder an diesen Platz
wo sie von uns herzlich willkommen geheißen werden. Im nächsten Sommer konnten wir hören,
dass ganz in der Nähe eine Klappergrasmückenfamilie eingezogen war. Ich habe nie heraus bekommen, wo sie nisteten aber der klappernde Gesang des Männchens ist in dicht besiedelten Gebieten ziemlich selten
und wir waren hoch erfreut darüber.

Unter der ersten Hainbuche, in Sichtnähe unseres Sitzplatzes, stellte ich eine flache
Vogeltränke auf. Oft, wenn ich alleine still vor mich hinträumend oder lesend im Gartenstuhl
saß, konnte ich beobachten, wie die süßen, kleinen Federbälle einen Drink nahmen,
ungeniert Toilette machten, sich badeten und putzten und dann eilig davon sprangen.

Die Vögel brachten viel Freude und Abwechslung aber manchmal auch Stress in mein Leben.
Ich denke da an die Tage, als die jungen Amseln langsam flügge wurden. Die Jungen sind
Nestflüchter und verlassen oft schon das Nest bevor sie fliegen können und hüpfen dann
lustig durch den Garten. Die Alten waren damit nicht gerade einverstanden und flogen
laut schreiend hin und her. Jedes Mal, wenn sich eine ihnen verdächtige Figur dem Versteck
der Jungen näherte, stießen sie ihr langanhaltendes, schrilles Keckern aus. Da diese Straße,
im Gegensatz zu einem Wald, ziemlich belebt ist, war jeder verdächtig und die beiden Alten
mussten von früh morgens bis spät abends schreien, ohne Luft zu holen, wie es uns manchmal
schien.

Wir mussten, ob wir wollten oder nicht, das Geschrei anhören. Ich traute mich schon gar
nicht mehr in meinen Garten, denn dann schwoll das Gezeter zu einem ohrenbetäubenden
Gekreische an. Doch musste ich schließlich nach dem Wildkraut sehen oder die Pflanzen gießen.

An einem frischen Morgen ging ich, ungeachtet der Schreikrämpfe der Altvögel, in den
Garten. Ich bückte mich, um eine kleine Staude, die vom Morgentau benetzt zusammengesunken
war, zu befühlen, als unter dieser Staude ein herzstillstandauslösendes Geschrei erscholl
und ein Untier, diese Laute ausstoßend, hochsprang, über meine Hand raste und im Pflanzengewirr
verschwand. Vor Schreck schrie ich selber laut auf und fiel auf den Hintern. Die Amseleltern
flogen jetzt im Sturzflug auf mich zu, berührten mich aber nicht. Dann dämmerte mir, dass ich
vermutlich ein Amseljunges aufgescheucht hatte.

Ich war wirklich sehr erfreut, als die kleinen Amseln endlich fliegen konnten.


Du kannst tun was du möchtest, aber tu es so, dass es anderen nicht schadet



Su

10.08.2006 10:22

RE: Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde

Was für eine wunderschöne Geschichte liebe Helga,ich war ganz gefangen in deinem Garten,sah die Tauben mit ihrem Geschick das Futter klauen und konnte mir das Vogelhäuschen richtig gut vorstellen,sah die Vögel in der Tränke baden
und deinen Schreck den kann ich gut nachvollziehen.Helga auf dem Hintern


Erst wenn du aufgegeben hast, bist du besiegt!







Zauberfee
Hausfreund/in

Beiträge: 433


10.08.2006 10:54

RE: Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde

sehr schön beschrieben Helga, als Naturliebhaberin konnte ich gut mitfühlen, zumal wir selbst jedes Jahr Meisenpärchen im Garten und Schwalbenpärchen am Haus haben, trotz unserer Lisa und unserem Moritz (Katzenmutter und Sohn)Ich passe gut auf dass den Vögeln nichts passiert.





Hifify
Treue Seele

Beiträge: 1.787


10.08.2006 11:46

RE: Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde
Hi, Helga, eine richtig, süße, lebendige und amüsante geschichte. Die Vögel werden sich allerdings erzählen: Hör mal,bei der Helga ist es etwas gefährlich. Wenn Du nicht aufpaßt, landest Du im Knast. Trotzdem kann ich mir vorstellen, daß dieser zweckmäßige Sicherheitstrakt von sehr vielen Piepmätzen besucht wird.
lichst
Lizzy





sieghild
Treue Seele

Beiträge: 2.212


05.09.2006 20:22

RE: Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde

helga,verzeih ich muss blind gewesen,
deine vogelhochzeit ist mir nicht aufgefallen.
erst jetzt kam ich dazu sie zu lesen
wie schön naturgetreu du alle beschrieben hast
das gefällt mir...
oft habe ich die möglichkeit
auch sie zu beobachten,habe dabei festgestellt,
dass nicht der spatz der frechdachs ist,wenn es um das futterhäuschen geht,
sondern es ist die amsel-auch drossel genannt,sie vertreibt die kleinen
hungrigen pieper.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Es gehört oft mehr Mut dazu,seine Meinung
zu ändern,als ihr treu zu bleiben.

Hebbel.
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Helga
Treue Seele

Beiträge: 2.808


06.09.2006 10:26

RE: Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde

Sieka, das macht doch nichts, du kanntest die Geschichte ja schon. Und ich hatte nicht
bemerkt, dass Lizzy, Herta und Su es schon kommentierten - schäm -
drei für die Damen

Ja Sieka, du weißt ja wie sehr ich die Natur liebe und diese Vögelchen habe ich besonders
gern. Der Willi allerdings auch Danke fürs lesen und kommentieren
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