Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 





“Das




Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 692 mal aufgerufen
 Hinrich Pries
hinrich* Offline

Hausfreund/in



Beiträge: 803

25.05.2007 10:09
Erinnerungen antworten


Erinnerungen

Der zweite Weltkrieg endete am 9. Mai 1945.
Die Städte lagen größtenteils in Schutt und Asche.
Es waren Tausende von Toten zu beklagen.
Die Familien waren in den Kriegswirren auseinander gerissen.

Eine riesige Flüchtlingswelle aus den von Russland und Polen eingenommen Deutschen Ostgebieten ergoss sich über weite Teile des Westens, den die alliierten Siegermächte in vier Besatzungszonen aufteilten. Es herrschte Unsicherheit.

Ein Großteil der Bevölkerung litt unter den bösen Folgen des Hungers. Familien suchten ihre Angehörigen und hofften vor allem auf die Rückkehr Ihrer Väter und Söhne aus der Kriegsgefangenschaft.

Das Reisen mit der Eisenbahn innerhalb Deutschlands war aufgrund bombardierter Bahnhöfe und gesprengter Brücken fast unmöglich. Der Autoverkehr war ausschließlich den Alliierten und wenigen lizenzierten Transportunternehmen vorbehalten.

In den durch totale Verwüstung kaum bewohnbaren Großstädten breiteten sich Seuchen aus. Wer arbeiten konnte, beteiligte sich an der Beseitigung der Trümmer von den Straßen und am notdürftigen Aufbau der Häuser. Die kleinen, weniger stark zerstörten Ortschaften und Randgemeinden der Ballungsgebiete hatten den großen Strom der Flüchtlinge und wohnungslosen Großstädter zu verkraften. Die vorhandenen Wohnungen wurden doppelt und dreifach belegt, so daß manche Familie sich mit einem Wohn-Schlafraum und einer Gemeinschaftsküche begnügen musste. Zu allem Übel kam eine drastische Brennstoff-Verknappung, so daß die Wohnungen in der Winterzeit nur unzureichend beheizt werden konnten. Die Menschen waren gezwungen, sich auch in den Wohnungen warm anzuziehen und für die Nachtzeit in dicke Decken einzupacken; man war in der kalten Jahreszeit ohnehin gezwungen früh ins Bett zu gehen, weil es in den Abendstunden allzu oft zu Stromausfall und Stromsperren kam.

Ein weit schwerwiegenderes Übel war der zeitweise akute Trinkwassermangel.
Die Talsperren waren zerstört. Die Wasserwerke konnten Trinkwasser nur noch in geringem Umfang bereitstellen, soweit diese und die betreffenden Leitungsnetze nicht zerstört waren.

<> <> <>

Ich erinnere mich noch recht deutlich an die Zeit des Kriegsendes, an die überstürzte Flucht aus Ostpreußen und den Neubeginn unserer Familie in der uns fremden Umgebung.

Unsere Heimatstadt Königsberg in Ostpreußen hatten wir bereits im Spätsommer 1944 verlassen. Nach kurzen Aufenthalten in Nikolaiken/Masuren und Danzig/Westpreußen kamen wir nach Berlin. Dort wohnten wir einige Wochen im Hause von Freunden der Eltern in Charlottenburg in der Preußenallee und zogen dann aufgrund bevorstehender massiver Luftangriffe auf ’s Land – zu den Eltern besagter Freunde – nach Bindow a. d. Dahme, einem kleinen Künstlerdorf etwa 60 km süd-östlich von Berlin. Von dort aus sahen wir kurz vor Kriegsende in den späten Abendstunden den feuerroten Himmel über Berlin. – Berlin brannte.
Dort in Bindow erlebten wir das Kriegsende am 9. Mai 1945.

Kurz zuvor wurden die letzten deutschen Soldaten – ein Haufen uniformierter Jugendlicher – auf offenen Mannschaftswagen (wer weiß wohin ?) aus dem Dorf gefahren. Einige Tage später kamen die Russen.

Die Dorfbewohner – fast ausschließlich Frauen, Kinder und alte Leute – arrangierten sich mit den russischen Offizieren, die ihr Quartier nebst Feldküche in einer kleinen Bootswerft aufgeschlagen hatten. Allerdings zogen nachts – zum Leidwesen junger Mädchen, Frauen, Mütter und sogar hochschwanger Frauen – marodierende Gruppen von russischen Soldaten aus einem benachbarten Dorf, in dem sich Truppenteile in einer unfertigen Neubausiedlung einquartiert hatten, plündernd durch die kleinen ländlichen Ortschaften.

Doch allmählich kehrte Ruhe ein. Eine russische Kommandantur, die sich in einer vorhandenen Baracke niedergelassen hatte, sorgte halbwegs für Ordnung. Einige Wochen später wurde auf deren Anweisung eine kommunistisch geführte Verwaltung eingerichtet. Mit der verbliebenen deutsche Bevölkerung musste dann das nackte Überleben organisiert werden.

Dabei ging es wohl vorrangig um spärliche Lebensmittelzuteilungen, die obendrein äußerst einseitig ausfielen. – Lebensmittel, die auf rätselhafte Weise aus irgendwelchen Lagerhallen sowie von Güterwagons, die verlassen auf Rangierbahnhöfen standen, abtransportiert und vor allem bei den Bauern zwangsweise konfisziert wurden.

Seit dem letzten Treffen Anfang 1945 – in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof – gab es keinen weiteren Kontakt mehr mit dem Vater, der wieder an die Kriegsfront in der Ukraine beordert wurde. – Seitens der russischen Kommandantur gasierten dubiose Nachrichten, wonach alle überleben Soldaten der deutschen Truppen nach Sibirien abtransportiert und sämtliche, darunter befindlichen deutschen Offiziere erschossen worden seien. – Doch die deutschen Frauen gaben die Hoffnung nicht auf, eines Tages ihre Männer und Söhne wiederzusehen.

Zwischenzeitlich war unserm Vater die Flucht von den zusammengebrochenen Kriegsfronten und auf riskanten, strapaziösen und auch abenteuerlichen Wegen in den Westen gelungen, so daß ihm eine lange Kriegsgefangenschaft erspart blieb.

Nun wusste er aber nicht, was mit seiner Familie und den übrigen Familienangehörigen geschehen war, und so schrieb er in alle Himmelsrichtungen – an alle Adressen, die unser mutmaßlicher Aufenthaltsort sein konnten. Auf Umwegen erreichte uns an ersten Weihnachtstag 1945 seine Nachricht – eine seiner vielen Postkarten; wir wundern uns heute noch darüber, daß das Postwesen schon wieder funktionierte. – Am 28.12.1945 gab es einen Transport (den vorläufig letzten) in den Westen.

Unser Vater hatte unterdessen einige seiner im Westen beheimateten Verwandten ausfindig machen bzw. wieder aufsuchen können. Und so fand er auch bald schon seine alte Mutter – unsere patente Oma. – Ihr war frühzeitig die Flucht aus Danzig nach Westfalen gelungen. In Wuppertal-Elberfeld lebte eine ihrer Schwestern, mit der sie den ersten Kontakt aufnahm, was dazu führte, daß sie bei einer Nichte, die in Herdecke lebte, eine vorläufige Bleibe fand. Schon bald fand sie in der Nachbarschaft eine kleine Erdgeschoß-Wohnung. Es folgten schon bald die ersten Nachrichten, wo der eine und andere Verwandte und Bekannte lebte bzw. Unterschlupf gefunden hatte. – Und so schrieb unser Vater besagte Postkarten.

Unsere Großmutter krempelte ohne lange zu zögern die Ärmel auf, beschaffte sich eine Nähmaschine, alte Kleider und Stoffreste, knüpfte Kontakte mit der heimischen Bevölkerung und begann für die verschiedensten Leute zu nähen. – Da wurden aus alten Kleidern neue, aus Stoffresten die schicksten Kinderkleider, aus alter, umgefärbter Militärkleidung für die heimgekehrten und heimkehrenden Männer und Söhne neue Anzüge und Mäntel genäht und aus jedem eben noch verwertbaren Textilrest Hausschuhe, Handschuhe, Mützen und sogar Taschen gezaubert. – Und so verdiente sie mit ihren rund siebzig Jahren zunächst als einzige die Brötchen, den Unterhalt für ihre binnen kurzer Zeit wieder wachsende Familie.

Unserem handwerklich geschickten Vater blieb zunächst nichts anderes übrig, als aus allen nur eben verwertbaren Materialresten (Holz, Metall, Textil, Leder) Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände aller Art zu fertigen, womit er so ein wenig zum Lebensunterhalt beisteuern konnte. Übrige Verwandte reisten wochenlang über Land, um einige Lebensmittel zu hamstern bzw. gegen Zigaretten oder zuvor genannte Kunst- und Gebrauchsgegenstände zu tauschen. Ein jeder versuchte sich irgendwie nützlich zu machen.

Und in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit kamen wir, unsere Mutter mit ihren drei Kindern, in’s Ruhrgebiet – zur Großmutter.

Per Eisenbahn gelangten wir über weite Umwege zunächst zum Durchgangslager Friedland, dem Grenzübergang Ost-West. – Wie schon erwähnt begann unsere Reise in den Westen am 28. Dezember 1945. Auf einem recht langen – für uns Kinder ein nicht enden wollenden – Fußmarsch mit diversem Handgepäck und etlichen Koffern und Kartons, die wir in einem Bollerwagen (Handkarren) hinter uns her zogen, gelangten wir ins benachbarte Dorf, in dem es eine Eisenbahnstation gab. Von hier aus gab es einen Bummelzug, der uns zur nächsten größeren Stadt brachte. Nach langem, langem Warten bei eiskalten Temperaturen in einem ungeheizten Wartesaal und auf einem windigen, unüberdachten Bahnsteig kündigte sich endlich mit langgezogenen Pfeifton eine qualmende, dampfende, zischende Lokomotive mit Kohle beladenem Tender etlichen Personenwagons an.

Es dauerte noch Stunden, ehe wir in den Zug steigen konnten. In diesem Zug saßen und standen schon dichtgedrängt Mütter mit ihren kleinen und großen Kindern, alte Frauen und Männer – und hier mussten wir irgendwie noch hinein. Die meisten, vor allem kleineren Kinder saßen auf irgendwelchen Schößen alter Leute. Jüngere Frauen standen eingequetscht zwischen Sitzbänken und Gängen. Einige halbwüchsige Jungen hatten sich in die Gepäcknetze über den Fenstern gelegt. Und obendrein lagen und hingen überall Koffer, Kartons und Taschen. Es dauerte noch lange, bis der Zug schließlich abfuhr.

Inzwischen war es Abend geworden. Die extrem überladene Bahn tuckerte durch die lange Nacht. - Leute, jung und alt, schliefen sitzend, eingezwängt stehend. Auch ich bin teils vor Hunger, teils vor Müdigkeit eingeschlafen. – Dann plötzlich wurden wir durch lautes Quietschen und einen heftigen Ruck aus dem Schlaf gerissen. Es kam Unruhe auf. Die ohnehin schwache Beleuchtung im Zug verlöschte. Einige Leute stiegen aus, um den Grund für diesen Zwischenstopp zu erfahren. Dann tauchten mehrere Eisenbahner auf, die laut verkündeten: „Alles aussteigen, der Wagen brennt !“

Irgendwo auf einem schmalen Bahnsteig, auf einem Verschiebebahnhof, standen wir, etwa um fünf Uhr morgens, in völliger Dunkelheit, bei lausiger Kälte und scharfem Wind. Wir Kinder zitterten am ganzen Körper. Die Erwachsenen scharten sich dicht um uns, damit wir ein wenig Schutz fanden. Der brennende Wagen, der sich zwischen anderen befand, wurde ausgekoppelt, die hinteren, nach wie vor vollbesetzten Wagen wurden von einer zweiten Lok auf ein Nebengleis gezogen. Dann kam diese Lokomotive zurück und holte den mittlerweile qualmenden Wagen, um ihn weitab zu deponieren. Und nun wurde ein Ersatzwagen herangefahren, angekoppelt, und letztlich rangierte man die abgekoppelten Wagen auf unser Gleis. Es wurde angekoppelt, es zischte und dampfte zwischen den einzelnen Wagen, es hantierten viele Eisenbahner hinter und vor dem Zug, und endlich schien es soweit zu sein.

Es dämmerte allmählich – ein neuer Tag mit ungewissem Ausgang begann, der 29. 12. 1945 – Und wir standen und harrten der Dinge, die da kommen mussten. – Dann hörten wir eine herannahende Dampflok. – Es dauerte noch eine Weile – es war schon hell geworden – da hieß: „Alles einsteigen, der Zug setzt seine Fahrt in etwa einer halben Stunde fort.“

Nun saßen wir alle wieder im Zug – eingequetscht – aber glücklich, daß wir nicht mehr der Kälte ausgesetzt waren. Die Eisenbahn rollte dahin, immer mal wieder ein kurzer Halt, dann ging’s mal rückwärts, mal vorwärts, mal schneller, dann wieder extrem langsam. Immer mal wieder quietschten die Bremsen. Dann wurde an einem Güterbahnhof die Lok aus einem dicken Rohr mit Wasser betankt. – Die Fahrt ging über Brücken, durch Tunnel und meines Wissens müssen wir wohl einmal im Kreis gefahren sein, denn wir kam an einem brennenden
Eisenbahnwagen vorbei. Ob es nun der unsere war – wer weiß ? –

Wir fuhren den ganzen Tag und ein weiteres Mal in die Nacht hinein. – Vor lauter Hunger sind wir immer wieder tief eingeschlafen. Und als wir erwachten – ich erinnere mich recht genau – war es schon wieder hell geworden. Wir hörten noch ein paar mal die Dampfpfeife der Lok und dann blieb unser „Ost-West-Express“ stehen. – Wir waren an einer Zwischenstation, von der es hieß, hier sei die Grenze und hier ruhen wir uns alle erst einmal einige Tage aus.

Aus diesen Tagen wurden einige Wochen.
Nun ja – wir marschierten zunächst einmal über die Grenze – für unser Gepäck hatte man uns kleine Handwagen bereitgestellt. Die Grenze war für uns Kinder nichts Außergewöhnliches; eine ganz normale Straße mit ganz normalen Bahnschranken, bloß da wo sich die Schranken befanden, gab es keine Eisenbahnschienen. –

Das war also diese Grenze. Wir marschierten in einer langen Menschenschlange hinüber auf die andere Seite. Hüben wie drüben die gleichen Häuser. Doch es gab einen Unterschied. Die Leute, die uns empfingen, sprachen etwas ungewöhnlich, ganz anders, als z. B. in Berlin oder gar in Ostpreußen. Es begrüßten uns freundliche Rote-Kreuz-Schwestern, unter deren Anweisung wir uns in mehreren Reihen aufstellen mussten. Und dann ging’s weiter. Wir gelangten an einen Ort, der einen hohen Zaun hatte und ein großes Tor, durch das wir hindurch mussten. Gleich hinter dem Tor stand ein rotes Backsteinhaus. Hier wurden wir weniger freundliche begrüßt. Vor uns standen Männer in gelben Uniformen, die uns erst einmal mit großen „Luftpumpen“ ein weißes Pulver auf und in die Kleider pusteten. Und dann wurde einer nach dem anderen weitergeführt. Da gab es mehrere Holzbaracken, in die die – und dann hörte ich zum ersten Mal - „Flüchtlinge“ eingewiesen wurden.

Frauen und Kinder wurden in eine Baracke befördert, in der auf dem Boden – dicht nebeneinander – Strohmatratzen lagen. Und so hausten wir einige Tage unter menschenunwürdigen Verhältnissen bis zu dem Tag, an dem uns erklärt wurde, daß der Transport in den Westen fortgesetzt wird. Wir wurden noch einmal tüchtig mit DDT-Desinfektionspulver eingepudert und über die Grenze gebracht. Irgendwie gelangten wir zu einer Bahnstation. Dort erwartete uns ein Personenzug mit etlichen Waggons und einer bereits dampfenden Lokomotive. Nachdem der Zug vollgepfropft mit Menschen und Gepäckstücken – die Leute saßen auf den Puffern zwischen den Waggons, standen auf den Trittbrettern außerhalb der geschlossenen Türen und nutzten jedes kleinste Plätzchen, um mit diesem Transport mitzufahren und in den Waggons saßen und standen die Menschen fast ohne Bewegungsmöglichkeit zusammengequetscht. Und niemand ahnte, wie lange die Fahrt dauern sollte. Es begann eine Irrfahrt durch die Lande. Brücken waren gesprengt, Gleisanlagen zerstört, Bahnhöfe unpassierbar. Mehrfach musste die Lok von einem Ende des Zuges abgehängt und am anderen Ende angekoppelt werden, weil die Fahrt über eine Weiche in die entgegengesetzte Richtung geleitet werden musste. An einer Steigung (irgendwo im Harz) schaffte die Lok den Zug nicht bergauf. Es dauerte eine Weile, bis eine zweite Lock am hinteren Ende des Zuges ankoppelte und die Fahrt fortgesetzt werden konnte. So fuhr die „Bummelbahn“ durch die stockfinstere Nacht. Ab und zu hörten wir das Signal der Lok und wir wussten, daß es durch einen Tunnel ging. Dann hielt der Zug irgendwo bei Braunschweig auf einem Verschiebebahnhof und der Schaffner rief in unseren Waggon: „Alle aussteigen, der Wagen brennt !“ – Es brach Panik aus. Die Leute drängten zu den Ausgängen, kletterten aus den Fenstern, kaum einer nahm Rücksicht auf die kleinen Kinder. Unsere Mutter schaffte es, uns Kinder wohlbehalten aus dem Zug zu bringen. Draußen erwartete uns klirrende Kälte und – es war etwa 4.00 Uhr morgens – stockfinstere Nacht. Nach wenigen Minuten bibberten wir am ganzen Körper. Alle verfügbaren Kleidungsstücke wurden um Körper, Hals und Kopf gewickelt. Der Atem gefror an dem vor Mund und Nase gewickelten Schal. Und so warteten wir bis zur Morgendämmerung zwischen Koffern und Kartons und den sich zusammendrängenden Menschen. Wir sahen, wie die Lokomotive mehrmals auf parallelen Gleisen hin und her fuhr, der qualmende

Waggon aus der Mitte des Zuges ausgekoppelt und ein Ersatzwaggon mit den übrigen Waggons neu zusammengekoppelt wurden. Dann endlich hieß es, alle Passagiere wieder einsteigen, die Fahrt wird fortgesetzt. Und dann fuhr der Zug – mal schneller, mal langsamer –dem unbekannten Ziel entgegen.

Am 1. Februar 1946 – es war früher Nachmittag – quietschten die Bremsen des Zugs. Der Zug hielt. Ein Bahnvorsteher rief: „Hagen-Vorhalle ! – Hagen-Vorhalle! - Endstation – alles aussteigen !“ – Wir waren (fast) am Ziel. – Wo eben noch spannungsvolle Stille herrschte, wo eben noch jeder jeden ängstlich und verstohlen beobachtete, da brach plötzlich ein unbändiges Raunen, Reden, Rufen, Schreien aus – da drängten sich in einem heillosen durcheinander Massen von Menschen durch die schmalen Eisenbahntüren – da wurden Koffer, Kisten und Kartons gezogen, gezerrt, durch ’s Fenster gehievt – da suchten die einen nach Gepäckstücken, die anderen nach einem Kind, Kinder nach ihrer Mutter – hilflose alte Leute standen frierend auf dem Bahnsteig mit um den Hals gehängten Pappschildern, auf denen Namen geschrieben standen. Auf dem Bahnsteig warteten viele Leute. Namen wurden gerufen. Die Menschen fielen sich in die Arme, weinten und lachten. – Und da waren auch wir. Unsere Augen suchten Jemanden, der uns suchte. Und plötzlich ein Jubeln ! – Zwei Tanten hatten uns in der Menge entdeckt, zwängten sich durch das Gedränge – halb geschoben, halb gezogen kamen sie auf uns zu, nahmen uns stürmisch in den Arm, drückten uns fest an sich, und es wurde geredet und geredet, und wir Kinder waren sprachlos. Nach und nach bewegte sich die Menschenmasse dem Bahnhofsausgang zu.

Es begann ein ausgedehnter Fußmarsch. Wir gelangten an einen breiten Fluss, und wir hörten, daß dieser Fluss die Ruhr sei und Hochwasser führe und die Brücke zerstört sei und wir über den Fluss auf die andere Seite müssten, dort sei Herdecke und dort wohne die Großmutter und dort werden wohnen. Es gab aber kein Boot, das uns über den Fluss bringen konnte. Die Boote seien durch ein noch viel größeres Hochwasser fortgespült worden. – Später erfuhren wir dann etwas über die Ursache des Hochwassers. Die gesprengte Staumauer der etwa 60 km entfernten Möhnetalsperre hatte riesige Mengen aufgestauten Wassers in Flussbett der Ruhr stürzen lassen. In gewaltiger Flutwelle haben sich die Wassermassen durch das Ruhrtal bewegt. Die große Flut war längst vorüber. Dennoch führte die Ruhr Hochwasser.

Wir gelangten alsbald an das Ufer und sahen einen langen, schmalen, schwankenden Steg aus über den Fluss gespannten Drahtseilen und an Eisenbügel aufgehängte Holzbohlen. – Da sollten wir also hinüber ? – Wir alle hatten angst. Vor allem die Mütter sorgten sich um die Kinder. Doch die Begleiter beruhigten uns; wir sollten alle hintereinander, jeder an seinem Vordermann festhaltend, über den Steg gehen, dann werde uns nichts passieren. Die Brücke schwankte und bebte. Unsere Knie zitterten. Wir kamen alle hinüber.

Und dann standen wir vor dem Haus, in dem wir künftig wohnen sollten. Durch ein Fenster des Erdgeschosses schaute unsere Großmutter; sie weinte vor Freude. Und aus lauter Sympathie weinten wir Kinder dann auch.

© whp - 2000
Peter Bochanan Offline




Beiträge: 282

13.10.2007 15:27
#2 RE: Erinnerungen antworten

Lieber Hinrich,

ich habe mich eine ganze Zeit lang mit den beiden deutschen Kriegen dieses Jahrhunderts beschäftigt und weiß daher auch um die Problematik der Flüchtlingstrecks. Es ist mehr als traurig, dass es zu so etwas kommen musste. Ich wünsche mir, dass alle Kriege auf der Welt enden, die Menschen friedlich miteinander leben und niemand jemals wieder zu den Waffen greift. Ich danke auch Gott jeden Tag dafür, dass ich keinen Krieg erleben musste.

Sehr authentisch geschrieben und den Verlauf der damaligen Zeit schonungslos und wahrheitsgemäß dargestellt.

-------------------------------------------------------------






Das geschriebene Wort ist das Tor zur unendlichen Freiheit der Gedanken


Peter Bochanan

Hinrich Offline


Hausfreund/in



Beiträge: 591

14.10.2007 00:18
#3 RE: Erinnerungen antworten
Lieber Peter,

ich freue mich, dass Du meine kleinen
Geschichtchen gelesen hast und danke
Dir für Deine Kommentare. Leider bin
ich kein geübter Erzähler, aber ich
denke, dass meine Erlebnisse für viele
andere stehen und es bestimmt wert sind,
aufgeschrieben zu werden.

Diesen Freund Horst z. B., den ich in
Gedichtform vorgestellt habe, hat es
tatsächlich gegeben. Etliche meiner
älteren Gedichte und Berichte sind
entstanden, weil es ihn gab. Er war
ein wunderbarer, lebenslustiger und
ideenreicher Individualist, der selbst
viele humorvolle Geschichten erzählen
konnte, und der trotz einer durch einen
Autounfall verursachten Behinderung
Menschen mitreißen und zum Lachen
bringen konnte.

Die Geschichte über die Flucht aus
Ostpreußen ist nur ein Auszug dessen,
was es aus der mir in Erinnerung
gebliebenen Zeit der Kriegs- und
Nachkriegsjahre zu berichten gäbe.
Vieles habe ich aufgeschrieben, doch
das meiste müsste man allenfalls in
kleinem Kreise erzählen, um es
verständlich rüberzubringen.

Danke für's lesen.


Liebe Grüße
Hinrich
whp

©whp

RUBI Offline

Amateur


Beiträge: 91

14.10.2007 20:44
#4 RE: Erinnerungen antworten

Hallo Hinrich

ich habe Deine Geschichte in drei Etappen gelesen,
weil ich nicht alles aufnehmen konnte.
Wenn du nicht der geborene Erzähler bist, wer dann?

Du hast das so lebensnah geschildert, daß ich mir
auch meine Mutter, die mit meinem kleinen Bruder
von Belgien aus floh, vorstellen konnte.

Ich bin 1947 geboren, wo alles "vorbei" war, aber
ich habe den Winter 47 überlebt, das, wie viele
meinten - alleine schon ein Wunder war.

Liebe Grüße RUBI
Du kannst hinfallen - aber du mußt IMMER WIEDER aufstehen!!!

G. Ast ( Gast )
Beiträge:

01.12.2007 17:09
#5 RE: Erinnerungen antworten

Hallo Hinrich,
nun habe ich deine Geschichte gelesen und mir dabei viel Zeit gelassen, um nicht nur den Text an sich zu verstehen, sondern auch die Zeit ein wenig zu erfühlen.
So u. a. Gerüche, Gefühle und weitere Eindrücke, die nur zu jener Zeit erlebbar und existent waren.
Da stellen sich mir Fragen, die natürlich nicht wirklich beantwortbar sind, so z. B. von welchen Spitzfindigkeiten diese Zeit geprägt wurde.
Not macht erfinderisch, so lehrte es mich mein Vater, Großvater, Onkel, Tante u.s.w.
Jungs spielten und erlebten Abenteuer in einer Umgebung, in der es immer was zu entdecken gab.
Teils nicht ganz ungefährlich, so wenn Blindgänger gefunden wurden, oder auf Bäumen herum geklettert wurde um an aussaugbare Vogeleier zu kommen.
Oder knirschende Türen und Holzböden verrieten, wenn sich jemand durch das Haus bewegte und unzählig andere Dinge die man gar nicht alle erwähnen kann.
Heute lachen Menschen darüber wenn sie ein Radio sehen, dessen 2 Stellknöpfe damals wichtiger waren, als heute so manche PC-Funktion.
Hach, da könnte man sicher ganze Buchbände mit füllen.
Aber schon der direkte Text und dem was zwischen den Zeilen verborgen liegt kann eine echte Chance sein um begreifen zu lernen, was wirkliche Werte des Lebens ausmachen, so in der Not und auch im Überfluss.
Ich fürchte nur, dass das Wort "Krieg" noch lange Zeit nichts an Aktualität verlieren wird.
Es scheint sogar so, dass eben jene Unvorstellbarkeit eines der größten Kriegsgefahren unserer Zeit darstellt.
Das macht jedes Wort von dir sowie von all den anderen Zeitzeugen der damaligen Zeit unbeschreiblich wertvoll,
meint zumindest mit Dank, G. Ast

Das Baumhaus »»
Ähnliche Themen Antworten Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Rügen - Erinnerung
Erstellt im Forum Rügenrabe von Rügenrabe
1 06.05.2008 12:06
von Zauberfee • Zugriffe: 558
Erinnerung
Erstellt im Forum Anette von Anette
4 06.03.2008 09:50
von Anette • Zugriffe: 358
Erinnerungen sterben nie
Erstellt im Forum Shania von Shania
12 07.11.2007 12:57
von Shania • Zugriffe: 728
Erinnerungen
Erstellt im Forum Hinrich von hinrich*
1 25.05.2007 21:46
von hinrich* • Zugriffe: 294
Erinnerungen
Erstellt im Forum Hinrich von hinrich*
1 09.04.2007 18:58
von Stefanie • Zugriffe: 286
Das Sofa der Erinnerungen
Erstellt im Forum Wicht von Wicht
2 01.10.2006 19:12
von Wicht • Zugriffe: 326
 Sprung  
Xobor Forum Software von Xobor | Forum, Fotos, Chat und mehr mit Xobor