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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 216 mal aufgerufen
 Kurzgeschichten
helga ( Gast )
Beiträge:

23.09.2006 14:42
Himmel aus Seide Zitat · antworten

Diese Geschichte hatte ich schon im Forum veröffentlicht, finde es aber schade,
dass sie da so versauert. Deshalb also hier nochmal:


Himmel aus Seide



Was machen Nachkriegskinder, wenn sie keinen Garten, aber Gelüste auf einen leckeren Apfel
haben? Sie gehen in fremde Gärten und klauen sich dort einen.

Ein solches Kind war auch ich.

In den Gärten rund um den Stadtpark kannte ich ganz bestimmte Bäume, die ich immer wieder
aufsuchte, um zu räubern. In welchem Garten die besten Birnen oder Pflaumen waren, wusste
ich ganz genau. Leider wurde mir diese Unart später zum Verhängnis, doch das ist eine
andere Geschichte. Hier möchte ich nur von meiner Liebe zur Natur berichten.

Ich hatte das Glück, in der Nähe des Hamburger Stadtparks mit seinen wilden Ecken und dem
großen See zu wohnen. Dort verbrachte ich so manche Stunde auf einer großen Kastanie. Für
ein so wildes, mutiges Kind war kein Baum zu hoch, kein Gebüsch zu dicht oder zu kratzig.
Erst heute, während ich dieses schreibe, fällt mir auf, wie sehr ich mich in meinem Er-
wachsenendasein verändert habe. Denn wenn ich Kinder sehe, die auf Bäume klettern, stehen
mir die Haare zu Berge. Ich kann es kaum mit ansehen vor lauter Angst, sie könnten herun-
terfallen. Auch denke ich dabei an die Vögel, die in diesen Bäumen nisten und sicherlich
gestört werden und bitte die Kinder darauf zu achten.

Auch gegenüber unserem Wohnhaus konnte ich Natur erleben. Dort befand sich der Bahndamm,
überwuchert von Bäumen, Sträuchern und wildem Kraut. Er wurde ab meinem fünften Lebensjahr
für mich zur Märcheninsel. Vor dem direkten Bahndamm stand ein Lattenzaun, und dort war
mein Spielplatz. Inmitten von hunderten Exemplaren Essigrosen, einem wunderschönen Gold-
regen, den ich als einen Lieblingsbaum auserkoren hatte, sowie einigen Fliederbüschen,
Erlen und Weißdorn.

Die Essigrosen waren im Verhältnis zu meiner Körpergröße riesig, und ich verschwand gerade-
zu zwischen ihnen, wie Gulliver im Land der Riesen. Die Bienen und Hummeln, die sich ständig
laut brummend in den weit geöffneten Blüten tummelten, verführten mich dazu, die weit geöff-
nete Blüte vom Stiel her zart mit der Hand zu umfassen und ganz leicht und vorsichtig zusam-
menzudrücken. Die darin befindliche Hummel fing daraufhin wütend an zu brummen, und es kitzel-
te derart stark in meiner Handfläche, dass ich laut lachen und die Hand schnell wegziehen
musste. Ich erinnere mich an den Gesang der vielen Vögel, wenn ich im Goldregenbaum saß, ganz
still, und nur ihnen lauschte. Sah ich nach oben in den hellblauen Himmel, glaubte ich allen
Ernstes, er sei aus reiner Seide.

Hier fand ich mein Paradies.

Die Sommer über hielt ich mich hier auf und sah Vögel, Insekten und Blüten und atmete den
Duft der Natur ein. Ich sammelte Marienkäfer, nahm sie mit nach Hause, setzte sie in unsere
Zimmerpflanzen und war enttäuscht, dass sie dort nicht bleiben wollten. Ich bestieg einen
engen Weißdornbusch, um die jungen Amseln in ihrem Nest zu beobachten, leise, ganz leise,
um sie nicht zu stören. Ich zerkratzte mir Arme und Beine an den Rosen und zankte mit den
Brennnesseln, weil sie mich schon wieder „gebissen“ hatten.

Doch der schönste aller Bäume, noch viel schöner als der Goldregen, war ein alter Rotdorn,
der, für mich unerreichbar, hinter dem grünen Lattenzaun direkt am Bahndamm vor den Schie-
nen wuchs. Im Frühling, wenn er sich mit seinen magentaroten Blütenröschen schmückte, ging
ich immer wieder hin, ihn anzuschauen und zu bewundern. Es war mir strenstens verboten, den
Lattenzaun auf irgendeine Weise zu überwinden, Der Bahndamm bedeutete Gefahr, weil alle
paar Minuten eine Hochbahn aus der einen oder anderen Richtung kam. Doch für die Blüten
dieses Baumes überwand ich meine Angst, quetschte mich zwischen zwei lockeren Latten hin-
durch, brach vom Baum ein Blütenröschen ab und schenkte es Eva, meiner damaligen großen
Liebe. Wir waren gerade fünf Jahre alt.

Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr wohnte ich an diesem Bahndamm. Obwohl ich wegzog,
blieb die Liebe zu dem Rotdorn, dem Goldregen und überhaupt zur Natur. Noch heute freue
ich mich jedes Jahr auf die Zeit, wenn meine beiden Lieblingsbäume endlich wieder blühen.

Als ich nach dreißig Jahren an diesen Ort zurückkehrte, konnte ich es nicht erwarten und
ging in die Straße, um mir noch einmal die Pflanzen meiner Kindheit anzusehen.

Mich erwartete eine herbe Enttäuschung. Keine einzige Rose hatte überlebt. Der schmale
Streifen vor dem Zaun war sauber aufgeräumt, kein Busch, kein Weißdorn oder Flieder waren
zu sehen, nur einige weit auseinanderstehende Bäume standen dort. Auch der Goldregen hatte
nicht überlebt, ebenso wenig wie der Rotdorn.

©Helga Sievert-Rathjens

Gabriella ( Gast )
Beiträge:

24.09.2006 01:50
#2 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Liebe Helga

heute zu später Stunde finde ich Zeit hier im Gedichtehaus zu schmöckern.
Da ich dies zum ersten Mal bewusst mache, nicht um hier an meiner Geschichte zu schreiben, sondern weil es mir ums lesen ist.
Habe heute ganz spontan bei Dir angefangen, wieso weiss ich nicht, ist ja auch egal.
Werde natürlich diese Nacht nicht jede Geschichte die ich gelesen habe kommentieren, aber wenigstens diese hier.
Ich bin zwar sonst nicht unbedingt Liebhaber von Kurzgeschichten, weil jedesmal wenn man zu lesen begonnen hat, ist sie auch schon wieder vorbei.
Aber bei Dir Helga ist es anders, Du schreibst sehr gut, sehr lebensnah und man fühlt sich, als ob man bei deinen Erlebnissen dabei gewesen wäre.

Ich finde es unglaublich, dass Du dich noch so gut an Deine Jugendzeit erinnern kannst, das kann ich leider nicht und vor allem fände ich nichts, was sich lohnen würde, darüber zu schreiben.
Das soll nicht heissen, dass ich keine schöne Jugend hatte, aber irgendwie ist alles einfach weg.

Manchmal wenn ich über mich nachdenke und dieses Forum hier, ermöglicht es mir in seiner Vielfalt, tief in mich zu gehen und über vieles nachzudenken, dann frage ich mich manchmal, ob ich schon so alt zur Welt gekommen bin, wie ich bin?

Liebe Helga ich danke Dir für diese Geschichte, ich kann viel herauslesen, stelle mir Dich als den Menschen dahinter vor und merke dass ich gar nicht so schlecht liege.
Ich bin froh dass ich Dich kennenlernen durfte hier im Forum.

Mit lichem Gruss

Gabi

Janet Offline


Kenner



Beiträge: 242

24.09.2006 20:59
#3 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Liebe Helga

In diesem Forum gibt es viel zu entdecken und es ist für mich unmöglich, all die schönen Gedichte und Geschichten täglich zu lesen. Doch es bereitet mir immer wieder ein großes Vergnügen, wenn ich für einige Zeit bei Euch ausspannen kann.

Deine Geschichte hat mich berührt und ich erkenne mich selbst darin wieder. Als Kind habe ich stets in den großen Schulferien einen blauen Himmel über Hamburg-Fischbeck bewundert. Solch ein schönes Blau kannte ich von meinem Zuhause nicht. Nie werde ich die schöne Zeit vergessen...mit Bäume klettern, Wasser aus einem Brunnen hinter dem Haus holen, saftige Pfisiche pflücken, Ohrkrabbler streicheln, durch die nahe Heide strolchen, die Gänse um ihre schönen Federn beneiden...in der Scheune die kleinen schwarzen Katzen liebevoll umsorgen...mein Gott, was war ich damals glücklich!

Danke...liebe Helga...... für die wunderschönen Beschreibungen und ich schäme mich nicht...ich habe ein ganz klein wenig geweint. Und wie gut verstehe ich Deine Trauer um den schönen alten Rotdorn...

Liebe Grüße

Janet




Lächeln ist wie ein Fenster, durch das man sieht, ob das Herz zu Hause ist.

(aus Russland)



helga ( Gast )
Beiträge:

25.09.2006 12:11
#4 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten
Liebe Janet
danke für das lesen meiner Geschichte. Die Fischbeker Heide soll sehr schön sein,
kenne sie nur flüchtig. Aber das nur nebenbei.
Ja, die Kindheit scheint manchmal so unkompliziert, jedenfalls in der Erinnerung.
Dabei gibt es so viel Negatives zu berichten...... doch davon sehe ich einfach
ab. Ich entdecke meine Kindheit einfach neu, hole mir die schönen Erlebnisse her-
vor und bin dann glücklich mit ihr.
Es freut mich immer besonders, wenn bei den Lesern Gefühle entstehen, so wie du
es schreibst. Dann hat das veröffentlichen einen Sinn.
Danke dir für deine schönen Worte und ich freue mich, dass du beim lesen etwas
abschalten konntest.
Lieber Gruß Helga

helga ( Gast )
Beiträge:

25.09.2006 12:20
#5 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Liebe Gabi,
erst einmal vielen Dank für die Zeit, meine Geschichten zu lesen. Es hat mich sehr gefreut.

Über deinen Kommentar bin ich sehr erfreut, es ist einfach schön zu sehen, dass andere meine
Geschichten mögen und sie zum nachdenken anregen.

Das du schon so alt zur Welt kamst und es womöglich nichts Schönes in deinem Leben gab über
das du berichten könntest, ist natürlich nicht real. Es kommt dir nur so vor und ich denke
darüber nach, warum das so sein könnte. Mir kommen da viele Gedanken, über die ich hier aber
nicht sprechen werde, vielleicht, wenn du mal mehr wissen möchtest über meine Gedanken,
können wir ja mailen.

Tja, Kurzgeschichten sind kurz, , deshalb schreibe ich sie. Ich denke immer, so eine
Langgeschichte interessiert keinen, dabei könnte ich damit wohl auch aufwarten, doch das
bedarf natürlich auch einer ganz anderen Vorbereitung.

Ich möchte jedenfalls noch mal sagen, wie sehr ich mich freute über dein lesen und den Kommen-
tar. Es ist mir irgendwie eine besondere Ehre zuteil geworden, danke dir. Und, liebe Gabi,
ich bin auch froh dich hier im Forum kennenzulernen, gerne näher, denn was ich bisher von dir
las hat mich beeindruckt, und ich bin gerne beeindruckt....
Ein ganz lieber Gruß an dich
Helga


Karin Lissi Obendorfer ( Gast )
Beiträge:

28.09.2006 20:36
#6 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Liebe Helga,
schon der Titel deiner Kurzgeschichte ist berührend, so wie deine
Gefühle schon von Kindesbeinen an für die Natur. Feinfühlig hast
du all das wunderbar in "Szene" gesetzt, mir wurde dabei ganz warm
ums Herz. Ein kleiner Lausbaub warst du und hattest vor Gefahren
keine Angst und konntest daher viele schöne Naturereignisse wahrnehmen,
die dir unvergesslich bleiben werden. Wenn man nach Jahren einen Ort
des Glücklichseins aufsucht, wird man oft sehr hart enttäuscht, aber
die Erinnerungen kann niemand auslöschen. Liebe Grüße in dein ,
Karin Lissi


Klein ist der Mensch -
gegenüber seiner großen Unwissenheit.
Aber groß ist die Liebe in seinem Herzen –
für ein klein wenig Achtsamkeit.
© Karin Obendorfer

helga ( Gast )
Beiträge:

28.09.2006 20:58
#7 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Danke Karin Lissi. Du hast Recht, ich war eher Junge als Mädel
Meine Mutter hatte ihre wahre Not mit mir. Die Liebe zur Natur
habe ich heute noch, der Grundstein wurde sicher an diesem Bahn-
damm gelegt.
Danke dir fürs lesen und liebe Grüße, Helga

Hifify Offline


Treue Seele



Beiträge: 1.577

29.09.2006 08:26
#8 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Hi, Helga, ist das nicht toll, wenn man solche scheinbaren Kleinigkeiten so in sich einbrennt, daß man später immer wieder gerne daran denkt? Das nimmt einem keiner,und mit Sicherheit weißt Du heute noch ganz genau, wie das damals alles gerochen hat.

helga ( Gast )
Beiträge:

30.09.2006 13:09
#9 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

Liebe Lizzy, du hast es erkannt. Diese "scheinbaren Kleinigkeiten" haben mir ermöglich
meine Kindheit zu überleben. Vor allem ist es so, dass ich sie mir heute immer wie-
der hervorhole wenn ich keine anderen Erinnerungen als die Schlechten im Kopf und
im Gefühl habe. Es gibt ein Buch, das heißt so ähnlich wie "wie man doch noch eine
glückliche Kindheit haben kann", da ist diese Praxis beschrieben. Sich versuchen
die schönen Erlebnisse so zurückzuholen, dass sie das momentante schlechte Gefühl
überspielen und vergessen lassen. Das mache ich, manchmal mehr, manchmal weniger.
Je nach dem wie stark die negativen Gefühle und Gedanken in mir wühlen.

Danke für das Lesen dieser Geschichte und deinen lieben Kommentar

Stefanie Offline

Treue Seele



Beiträge: 1.347

19.03.2007 00:20
#10 RE: Himmel aus Seide Zitat · antworten

ältere Komms:

sieghild
Treue Seele

Beiträge: 2.212


28.07.2006 20:40

RE: Himmel aus Seide

liebe helga ,du hast uns mal wieder
mit auf erinnerungtour genommen und
ich muss dir gestehen,ganz unsichtbar
habe ich dich begleitet,
wunderschöne beschreibung...


Liebe das Leben,dann liebt es auch dich.






Helga
Treue Seele

Beiträge: 2.808


28.07.2006 22:55

RE: Himmel aus Seide

Danke Su, ich muß leider gestehen, dass mein Fundus aus vielen halben
Geschichten besteht. Deshalb greife ich schon mal auf die bei e-storys
und auf meiner HP veröffentlichten zurück. Aber bald kommen mal wieder
neue von mir, habe im Kopp schon so einiges in Arbeit und werde dann
die alten, angefangenen mal konsequent beenden.

Sieka, ich danke dir für die Worte. Es ist ja nichts passiert in dieser
Geschichte, sind nur ein paar Erinnerungen, lach. Aber es macht Spaß
und freut mich auch wenn jemand sie mag.
Du kannst tun was du möchtest, aber tu es so, dass es anderen nicht schadet





Camaela
Treue Seele

Beiträge: 2.127


29.07.2006 18:12

RE: Himmel aus Seide

...du schenkst mir mit deinen wunderbaren Geschichten immer ein Stück Hamburg...


* ich will so bleiben wie ich bin ;) *






Helga
Treue Seele

Beiträge: 2.808


30.07.2006 11:46

RE: Himmel aus Seide

...das freut mich Camaela
Du kannst tun was du möchtest, aber tu es so, dass es anderen nicht schadet


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