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 Elfie (Inselchen)
inselchen Offline


Amateur

Beiträge: 22

16.02.2008 15:21
Isolita, ein Märchen Antworten

Isolita
Ihr werdet euch wundern, wer ich bin und wer euch etwas erzählen möchte.
Ich stelle mich euch mal vor: Ich bin ein sehr kleines Inselchen, so ein winziges Fleckchen auf der Welt, was noch kein Wissenschaftler, Forscher oder Seefahrer gefunden hat. Keiner von ihnen wird mich jemals finden.
Zu finden bin ich nur im Reich der Phantasie der Kinder oder der Menschen, die Kinder geblieben sind, und jetzt erzähle ich euch die Geschichte meiner jüngsten Tochter:

Vor so viel Jahren, wie ihr euch gar nicht vorstellen könnt, wurde meine jüngste Tochter geboren, sie ist ein Wunschkind wie alle unsere Kinder, wir bilden eine kleine Inselgruppe,
aber sie ist die kleinste Insel und wir nannten sie Isolita.

Sie war von Anfang an zart und anmutig, auf ihr befinden sich die schönsten Blumen, die je ein Mensch gesehen hat, und wunderschöne wildlebende Tiere, die in keinem Lexikon zu finden sind und die keine Feindschaft kennen.
Isolita erlernte zunächst die Sprache der Tiere und dann lernte sie die Sprachen der anderen Inselchen ihrer Familie. Jedes hat seine eigene Sprache und Kultur und für alle hatte Isolita von Anfang an ein offenes Auge und Ohr.
Einmal bei der Wintersonnenwende trafen sich alle Inseln zu einer Zeit und einem Raum, die den Menschen nicht geläufig sind, und alle Inseln verneigten sich vor Isolita. Sie kürten sie zur schönsten Insel der Welt und waren beeindruckt von ihrem großen Gespür für alles Wunderbare.
„Du bist die Anmutigste und Klügste unter uns und so bist du für uns eine wahre Größe“, erklärte der Inselrat neidlos. „Und daher bieten wir dir eine Patenschaft an, jede Insel wird dir etwas schenken.“
Isolita bedankte sich von Herzen und jede der Inseln übergab ihr, die bereits die Schönste von allen war, selbstlos einen Teil des Wunderbarsten, was sie selber besaß, außerdem schenkten sie ihr die Kenntnis all der Sprachen, die auf den jeweiligen Inseln gesprochen wird.
„Aber das kann ich doch nicht annehmen, ich bin klein und kann so viel nicht zurückgeben. Das ist eine zu große Ehre und Verantwortung für mich.“
Der Ältestenrat der Inseln lächelte und sagte: „Doch, du kannst, du hast mit deiner Einfühlsamkeit und deinen Bemühungen alles verdient, was dir geschenkt wurde.“
Eine Insel wandte freundlich ein: „In allen Märchen gibt es drei Wünsche und die Zahl drei hat eine besondere Bedeutung, ein drittes Geschenk muss her!“ „Ja, was wünschst du dir denn als drittes Geschenk?“, fragten die anderen alle ganz durcheinander, freudig, die kleine Insel beschenken zu können. Isolita wurde ein wenig verlegen und antwortete: „Ach, die Vögel haben mir erzählt, es gäbe Menschen und ich möchte so gerne Menschen kennenlernen.“
Die anderen Inseln wurden ganz unruhig und der Ältestenrat antwortete, den Kopf wiegend: „Nein, mein Kind, den Wunsch möchte ich dir nicht gerne erfüllen. Wenn die Menschen auf dein Inselchen kommen, verändern sie es total, nichts wird mehr so bleiben, wie es war.“ Und dann berichteten die anderen. Eine Insel erzählte: „Es war bei mir anfangs auch so friedlich wie bei dir, es gab dann später eine Urbevölkerung, diese veränderte auch einiges an mir, aber eigentlich nur so, wie sie es zum Überleben brauchte. Zuerst habe ich mich auch gegen sie gewehrt, aber mich dann doch an sie gewöhnt. Und eines Tages kam ein Schiff und entdeckte mich. Da ging es los. Die Urbevölkerung wurde vertrieben, Menschen aus einem anderen Land kamen, eine andere Sprache wurde gesprochen, eine Flagge gehisst. Und als ich mich gerade an diese Menschen gewöhnte, meinten wieder andere, mich erobern zu müssen und so ging es fort, ich erlebte Menschen verschiedener Sprachen, die sich meinethalben bekriegten. Das gefiel mir nicht.“ „Ja, das kann ich verstehen“, antwortete Isolita leise. Eine weitere Insel kam zu Wort:
„Ich war so eine schöne Insel. Ich mochte die Menschen, es waren Ackerbauer und Fischer. Sie machten mich teilweise untertan, aber sie waren auch recht nützlich und zufrieden und so lebten wir lange recht gut miteinander. Aber eines Tages entdeckte mich der Tourismus, viele Menschen kamen mit ihren Fotoapparaten, bauten riesige Häuser auf mir, feierten laute Feste, veränderten mich so, wie es mir gar nicht gefiel. Und nun bin ich nicht mehr die ursprüngliche stolze Insel, die ich einmal war. Das tut mir sehr weh.“ Und so redeten und redeten sie weiter und die Inseln rieten Isolita, ein Leben ohne die Menschen zu führen.
Diese aber wiegte den Kopf und fragte: „Aber was mache ich denn mit all den Geschenken, die ihr mir gemacht habt? Ich kann jetzt alle die Sprachen, die bei euch gesprochen werden, aber es sind doch die Sprachen der Menschen.“
Ich, ihre Mutter, fragte: „Darf Isolita sich das noch einmal überlegen und wenn sie wirklich will, darf sie dann die Menschen kennenlernen?“ Die Inseln besprachen einander und antworteten dann: „Lade nur die Menschen ein, die es verdienen, denen du vertrauen kannst.“ „Ja“, entgegnete Isolita: „Ich möchte gerne den Menschen, die es verdienen, etwas abgeben von meinen Gaben.“ „So sei es“, entgegnete der Ältestenrat, aber vergiss nie, dass auch du deine Gaben verdient hast, schenke nur dann, wenn ein Mensch sich redlich bemüht.“

Als das Treffen vorüber war, beriet Isolita mit den Tieren, was sie machen sollte. Und die Vögel zwitscherten: „Kümmere dich um Kinder und Jugendliche, die Sprachen und Schönheiten der Welt wirklich erlernen wollen.“ „Und wie hole ich diese Menschen zu mir, ich bin doch so klein und so fern von den Menschen?“, fragte sie. „Immer dann, wenn jemand ernsthaft Rat sucht, dann wird er dich finden. Du lehrst sie und prüfst, ob sie das Gelernte auch anwenden können.“

Isolita ging voller Elan an diese Aufgabe heran und es zeigte sich, dass viele Kinder und Jugendliche bestrebt waren zu lernen. Sie lernten Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und noch viele Sprachen mehr. Auch alte Sprachen wollten sie lernen und auch diese beherrschte Isolita perfekt. Es war eine schöne Zeit und die jungen Menschen lernten mit Begeisterung. Wenn sie so viel konnten, wie sie für ihre Ziele brauchten, stellte Isolita ihnen ein Zertifikat aus, versehen mit einem Sigel, das aus ihren Insel-Umriss bestand, den sie mit dem Harz eines sehr alten Baumes versiegelte. Vorher fragte sie ihre Schüler ab und bekam stets Antworten, die sie überzeugte. Aus den jungen Menschen wurden junge Erwachsene, die ihren Weg gingen. Das Werk der kleinsten Insel wurde ein großer Erfolg.

Eines Tages hatte sie eine junge Schülerin, die sich sehr schwer tat mit dem Erlernen der Sprache und der notwendigen Disziplin. Isolita versuchte immer wieder, sie zum Lernen zu begeistern. Der Erfolg stellte sich nicht ein, aber das kleine Inselchen gab nicht auf und gab dem Mädchen immer wieder Texte zum Übersetzen. Eines Tages reichte die junge Schülerin ihr eine fehlerfreie Übersetzung ein, die Freude Isolitas war zunächst groß. Doch dann dachte sie darüber nach, wie es denn kommen könne, dass dieses Mädchen von heute auf morgen so gut war und in einer Sprache übersetzte, die nur Gelehrte beherrschen. Sie grübelte und fragte die Vögel, was das auf sich haben könne. Einer der Vögel setzte sich zu ihr, streichelte sie mit seinem Gefieder und sagte: „Nicht alle Menschen sind gut und nicht alle sind ehrlich, sie hat dich belogen.“ „Aber wie soll sie mich denn belogen haben?“, fragte Isolita voller Enttäuschung. Die Vögel wussten erst nicht, was sie antworten sollten, denn sie wollten ihre geliebte kleine Insel nicht leiden sehen. Aber diese bohrte nach und nach und so antworteten sie: „Die Menschen haben etwas erfunden, was sie Computer nennen, das ist eigentlich eine gute Erfindung, wenn man richtig damit umgeht, aber man kann dort auch alles Mögliche finden, das nicht gut für die Menschen ist oder mit dem sie falsch umgehen und sich selber schaden. Deine Schülerin hat eine Übersetzung eines anderen Menschen als die ihre ausgegeben. So etwas nennt man Täuschung oder mindestens Täuschungsversuch.

Isolita war so traurig über den Versuch sie zu betrügen, dass sie keinen Kontakt mehr mit den Menschen haben wollte und sich dachte: „Die anderen Inseln hatten ja vollkommen recht.“ Und so hörte sie auf, den jungen Menschen zu helfen. Viele schafften es jetzt nicht mehr ohne sie, aber das merkte sie nicht, sie hatte die Verbindung zu den Menschen total abgebrochen.

Als die Vögel mir, ihrer Mutter, die traurige Nachricht brachten, eilte ich zum Inselrat, denn ich dachte an den weisen Rat, der ihr mitgegeben worden war und den sie in ihrer Verzweiflung vergessen hatte.
Der Vorsitzende verstand die Lage sofort, machte sich zu ihr auf und führte ihr ihre großen Erfolge vor Augen.
Er zeigte ihr den Arzt, der sehr menschenliebend ist, sein Examen aber nicht geschafft hätte ohne den Erwerb der lateinischen Sprache, er zeigte ihr Krankenschwestern, Helfer, Menschen, die in andere Länder fuhren um dort zu helfen und viele gute und tüchtige Menschen mehr. Ohne die Sprachkenntnis hätten sie es nicht oder nicht so gut geschafft. Er zeigte ihr, wie dankbar viele für ihre erhaltenen Gaben waren und dass sie die Frucht ihrer Geschenke weiterverschenkten. Er zeigte ihr das, was sie vorher ja selber verstanden hatte: Gaben, die man teilt, vermehren sich.
„Ja und was ist mit denen, die nicht ehrlich sind, die ihre Geschenke nicht weitergeben?“, wimmerte Isolita enttäuscht.
Die Vögel antworteten nochmals: „Leider ist nicht jeder Mensch gut, leider kannst du nicht jedem Menschen vertrauen.“ „Dann möchte ich mit den Menschen nichts mehr zu tun haben, ich möchte allen vertrauen können“, antwortete sie ungewohnt trotzig.
Dann zeigte der weise Mann ihr Menschen, die andere Menschen prüfen, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Sie schienen ihr zu sagen: „Wähle, ob du den vielen deine Hilfe versagen möchtest oder ob du der Person, die dich getäuscht hat, klar vor Augen hältst, dass sie keinen guten Weg einschlagen wird, wenn sie weiterhin täuscht.“ „Wie soll ich das denn machen?", fragte das kleine Inselchen und erhielt zur Antwort: „Sag dem unreifen Mädchen, sie möge lernen, ehrlich vor sich und anderen zu sein und mache ihr klar, dass du erst für sie wieder da bist, wenn sie verantwortlich handelt. Wer etwas vorgibt, was er nicht ist und kann, kann auf Dauer weder vor sich noch vor anderen bestehen - geschweige denn anderen helfen."

Bevor der Inselrat sich verabschiedete, umarmte er sie und gab ihr mit auf den Weg:
„Du, meine kleine Isolita, kannst so viel bewegen und nun lerne du auch, mit einer Enttäuschung fertig zu werden. Sieh das Gute und steh bei Ungerechtigkeiten auf und sage: „Nein!“.
Isolita nahm alle ihre Kraft zusammen und antwortete: „Ja, das werde ich, so klein ich auch bin, die Inseln haben mir gesagt, ich habe Größe und ich habe Verantwortung. Es ist meine Aufgabe, das, was mir gegeben wurde, sinnvoll weiterzugeben.“

© Elfie Nadolny 14.10.2007

Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist. Goethe

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