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 Karl-Heinz (Schatzgräber)
schatzgräber Offline


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Beiträge: 114

10.03.2008 17:24
Die Rose, ihr Fotograf und ihre Mörderin antworten

Die Rose, ihr Fotograf und ihre Mörderin

So langsam verlässt mich die Kraft. Sie reicht mir hoffentlich noch zum Erzählen meiner kleinen Misere aus. Also starte ich hier meinen Bericht, mein Zeugnis, mein Testament für euch und urteilt selbst.

Wasser ist noch genügend in meiner Vase, aber das Nasse kommt eines Tages nicht mehr durch den Stiel an meinen Lebensnerv. Dann hilft mir alles Feuchte, was sonst so Leben spendend ist, auch nicht mehr weiter.

Vielleicht schneidet sie mich, meine Mörderin, noch einmal ein wenig kürzer, schräg am Stiel. Das gibt Kraft zurück für einige schöne Stunden. Ein Schicksal für mich, wie es kommen musste. So enden wir Rosen, die in einem Vorgarten erblühen. In einer Vase. Allerdings. So wie mein Ende ablief, war es eiskalter Mord aus Eifersucht.

Seit Tagen stehe ich in kraftvoller Blüte vor der Tür im Vorgarten. Ein wunderbares Rot ist mir mit mir gelungen. Ein schöner Platz an dem ich stehe. Zweimal Nachwuchs bildet sich an meinem Stamm heraus. Er wird sich in einigen Tagen, ähnlich schön wie ich, gegen den Himmel strecken.

Da kommt der ältere Herr von nebenan mit seiner kleinen, kompakten, roten Digitalkamera auf mich zu und sie blitzt mich direkt an. Er sieht sich an dem Gerät die Aufnahme an und nickt. Er nickt, aber er versucht es noch einmal. Hübsch lächeln. Jetzt hat es nicht geblitzt. Er prüft die erneute Aufnahme und ist offensichtlich sehr mit beiden Ergebnissen zufrieden. Na, bei dem Motiv, denke ich noch.

Mein Fotograf hat sie wohl aus Begeisterung zu mir nicht kommen sehen oder hören. Sie, die Mieterin, in diesem Haus. Sie nähert sich mit ihren beiden Gehhilfen, Gehstöcken oder wie die Dinger auch immer heißen mögen. Links, rechts. Links, rechts. Links, rechts. Bupp... schlurf... bupp... schlurf... bupp... schlurf.

Sie ist klein, sie ist dick, sie ist hässlich und alt. Sie hat im vorigen Jahr ihren Mann und seinen Dackel verloren. Der Dackel war der beste Freund ihres Mannes. Sie kam mit allen Tricks ihres Lebens nicht dazwischen. Zwischen diese Zuneigung, dieses gegenseitige Vertrauen, diese gegenseitige Zuverlässigkeit. Als ihr Mann tot aus dem Haus war, nahm dieser treue Dackel keinen Bissen mehr zu sich. Hausmeister Stepenowitsch, der Russe, hat drei Spatenstiche tief ein Plätzchen auf dem Hinterhof für ihn gefunden.

Hören kann ich nicht genau, was sie meinen Fotografen fragt, aber irgendwie klingt es wie „kann ich Ihnen helfen“. Er bedankt sich lächelnd bei ihr. Geht mit seinem kleinen roten Begleiter zu ihr hin und zeigt ihr auf dem Display der Kamera die beiden, natürlich, ich wiederhole mich gerne, bei diesem Motiv, gut gelungenen Aufnahmen.

Klick. Klick. So einfach geht es vor sich. Klick, klick, schon bin ich in dem kleinen Kasten digitalisiert und verewigt worden und wandere ganz bestimmt in seine Fotodatenbank. Davon gehe ich selbstverständlich aus, dass er eine hat. Bestimmt besitzt er auch einen Internet- Anschluss. Damit kann er mich in sekundenschnelle per Satellit um die Welt düsen lassen, an jeden Ort, an jeden Platz. So als Ostergruß, so als Geburtstagsgruß oder, einfach so aus Liebe. Eine rote Rose in Liebe aus Berlin.

Und was macht meine, ach so ehrenwerte, Hausbewohnerin? So ein nettes Gesicht für ihn, als er sich verabschiedet und wieder seines Weges zieht. Was darunter blitzt, für den Bruchteil einer Sekunde, das sehe nur ich. Ich sehe es genau, es ist ein auf mich konzentriertes, eifersüchtiges, hasserfülltes, mörderisches Blitzen in ihren alten Augen. Brrr. Brrr. Brrr. Ich ahnte sofort, was jetzt kommt.

Sie, die Witwe, schwingt sich mit ihren beiden Gehhilfen in die zweite Etage des Hauses und reißt die Heckenschere aus dem Werkzeugkasten. Der ist immer noch so wunderbar aufgeräumt, wie ihr Heinrich ihn zurück gelassen hat. Darauf legt sie heute besonderen Wert. Seine Ordnung, die sie ihm zu seinen Lebzeiten täglich ironisch spitz unter die Nase gerieben hat. Sie schnappt sich das stabile, scharfe Ding. Wackelt mit ihren beiden Eisen wieder herunter. Hin zu mir in den Vorgarten und schnapp, bin ich runter vom Mutterstab mit meinen beiden Nachwuchsleuten. Wir humpeln auf und ab mit ihr an ihrer alten, knochigen, mit braunen Flecken übersäten linken Hand. Mit hinauf zu ihr. In die Wohnung. Wir liegen trocken, ein wenig traurig, mehr überrascht, auf dem Küchentisch. Sie grinst so hämisch. So siegesgewiss. Sie zischt sogar ein melodisches Pfeifen über die gelben Zähne durch die gespitzten Lippen.

Sie sucht nach einer Vase. Die Vase ist einem Rhombus ähnlich geformt. Sehr modern. Sehr hübsch. Ganz in weiß. Der Wasserhahn rauscht sein Nass in die Zelle der Keramik und schon stecke ich in ihr. Ein paar Schritte über den Korridor, und dann stehe ich, aus der Hand meiner Mörderin, auf dem Stubentisch. Ich lasse den Nachwuchs beim Erzählen außen vor. Sie spüren diese Mordaktion glücklicherweise noch nicht so hautnah und außerdem? Außerdem bin ich die Attraktion.

Hier ist es mollig und warm im Zimmer und nach dem scharfen Schnitt bin ich durch meine Verwundung am Stiel doch etwas müde geworden.

Wie lange ich genau geschlafen habe, weiß ich nicht. Nur eines spüre ich. Wenn ich nicht bald ein Stück gekürzt werde, dann sehe ich so verwelkt aus wie die Alte. An zwei, drei roten Blättern meines wunderschönen Kleides zeigen sich bereits leichte Spuren des Durstes.

Wo sie nur bleibt? Ich höre weder das Schlurfen ihrer Pantoffeln noch das Bupp... schlurf… Bupp… schlurf ihrer Metallstützen irgendwo in der Wohnung oder gar draußen auf der Treppe.

Hallo, hallo, hallo. Ich habe akuten Wassermangel in der Spitze!!!

Plötzlich ist sie da.

Setzt sie sich doch direkt auf Heinrichs Lieblingssessel zu mir. Schaut mich an und schaut mich an. Freust du dich zu mir? Irgendwie selbstsicherer, keineswegs mehr eifersüchtig, sieht sie aus. Richtig. Sie hat ihr Ziel erreicht. Sie hat mich ihm weggenommen. Ihm, meinem Fotografen. Das Werk ist vollbracht.

Ha. Ha. Ha. Altes Mädchen. Ich bin schon verewigt und finde meinen Platz in seiner Datenbank. Da kommst du, das glaube mir, mit Sicherheit nicht hinein und nicht heran, du, du alte Hexe. Ich gestehe allerdings ein, dass es hier bei dir im Wohnzimmer sehr nett ist, bei dir auf dem Stubentisch. Vor Heinrichs Sessel. Das hätte ich schlechter treffen können. Obwohl, mir stünde anderes zu. Bei meinem Aussehen könnte ich oscarverdächtige Filmdiva sein. Ja. Jawohl.

Du bist doch jeden Tag an mir vorübergegangen. Hast mich kaum eines Blickes gewürdigt. Hast bis vor Stunden oder Tagen meine außergewöhnliche Schönheit, ganz in rot und ohne Makel, nicht gesehen. Hättest Du mich an meinem Platz gelassen, so wäre mein Nachwuchs auch noch erblüht und mein Fotograf wäre jetzt, nachdem er uns entdeckt hat, jeden Tag gekommen, um uns wieder und wieder für seine Sammlung zu fotografieren. Du Monster.

Träume nicht so vor dich hin. Du siehst doch sonst so scharf durch deine dicke Glasbrille mit dem massiven Horngestell. Ich brauche jetzt dringend einen Schnitt, Schnitt, Schnitt und neues Wasser. Wenn du nicht bald in die Socken kommst, dann dufte ich so alt wie du. Es fängt schon an.

Mein Herbert hätte die Rose noch einmal am Stiel schräg angeschnitten und sie bliebe noch einen Tag länger frisch. Hm? Hm? Mit den beiden Knospen an der Seite werde ich es allerdings einmal versuchen. Ohne die große rote Blüte haben sie vielleicht eine Chance, für mich zu erblühen. Zwei gegen eine. Ha. Ha. Das ist ein Versuch wert, oder? Die große Rote hat schon leichte Dellen. Obwohl, sie ist wirklich recht hübsch. Eigentlich schade um sie. Aber mit ihr kommen die kleinen Knospen auf keinen Fall mehr durch zur Blüte. Ja, so wollen wir es machen. Jawohl, Frau Doktor. Ha. Ha. Ha. Du, mein liebster Herbert, hättest dich bestimmt für die aufgeblühte Rose entschieden. Schon wieder ein Grund mehr, einen eigenen Versuch zu starten, oder? Also, ab in die Küche zum Schnitt.

Sie hat mich erhört. Na siehst du, endlich geht es auf und ab in die Küche. Schnapp, sind meine Nachwuchsleute ab. Eine feine Idee, dann brauche ich mit den Kleinen nicht mehr zu teilen. Die Zeit würde für deren Blüte wahrscheinlich sowieso nicht mehr reichen und lässt für mich die volle Kraft entfalten.

Was ist das? Wieso? Warum steckt sie die beiden Kleinen in eine neue Vase? Halt. Halt. Nicht kürzer bei mir. Halt. Du bist gleich an meiner zarten roten Blüte. Das ist zu kurz geschnitten für eine Vase.

Ich wusste es, sie ist eine Mörderin, ein übles Monster. Mir geht der Atem aus. In diesem stinkenden Eimer liege ich neben der fetten Schweinehaut, den angefaulten Wurzelstücken und dem verpilzten Käse. Gemeuchelt. Doch das Frösteln lässt langsam nach.

Hallo, älterer Herr, du hast mich doch zum Beweis in deine Datenbank eingespeist? Die Fotos sind doch wirklich gut geworden? Du wirst doch allen zeigen, dass ich noch vor so wenigen Stunden die Schönste im ganzen Land war, oder? Bitte, bitte, bitte lasse mich unsterblich werden. So wie die Marilyn!

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